Die Sache mit der Depression und dem Berufsverbot

Guten Tag, guten Abend, gute Nacht Deutschland.

Es fegt ein Shitstorm durch Twitter und soziale Medien. Depressive sollen mit Arbeitsverbot belegt werden!

SKANDAL! Nieder mit der CSU! Rücktritt! Rausschmiß!!!11ölf

Wenn wir hier Steinigungen hätten, die ersten Online-Steine sind bereits geworfen.

Nun gut, sagt man sich – viele dumme Ideen kommen ja aus Bayern und manche davon sind geschmackssache – aber so richtig positiv steht den meisten Ideen der CSU im Netz nur eine Minderheit gegenüber. Von der Maut (die ich persönlich in der Idee gut fand und deren letzliche Umsetzung indiskutabel ist… aber dazu vl. wann anders beim Bierchen) bis zu diversen Kapriolen bayrischer CSU Abgeordneter in der EU… Wo die Bayern grad weiß-blauen Traumhimmel sehen, fliegt meist schon ein brauner Sturm aus argumentativer Scheisse aus Restdeutschland gen Süden.

So, genug geschwallt. Wir wollen mal Fakten! Ich habe mal gegoogled. Macht man heute so, und ich habe mehrere Artikel zum Vorstoß von Herr Herrmann gelesen – der Mann ist übrigens Innenminister Bayerns. Um mal hier ein wenig mit Fakten um mich zu werfen: Zitate aus der Zeit. (Google Suchergebnis #1, weil ich faul bin!)

…hält Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ein Berufsverbot für Menschen mit Depressionen für denkbar. Voraussetzung sei eine “sorgfältige medizinische Begutachtung”, sagte Herrmann dem Focus laut einem vorab veröffentlichten Bericht.

Wenn diese Begutachtung zu dem Ergebnis komme, “dass etwa ein Pilot, ein Busfahrer oder ein Taxifahrer dauerhaft nicht mehr geeignet ist, Menschen oder sonstige Güter zu transportieren, ohne dass Gefahr für Leib und Leben anderer besteht, dann kann solchen Personen auch der Führerschein beziehungsweise die Lizenz entzogen werden”, sagte Herrmann.

Okay. Punkt 1: “sorgfältige medizinische Begutachtung”! Bedeutet: Keiner verliert seinen Job, nur weil er depressiv ist. Er verliert eventuell seinen Job, wenn er depressiv ist UND eine potentielle Gefahr für sich oder das Leben anderer darstellt. Ich sehe das Problem nicht. Das klingt für mich mehr als logisch. Herr Herrmann will also in Einzelfällen, potentiel Suizidgefährdete Personen aus dem ‘Verkehr’ ziehen – mehr wörtlich als bildlich. Wieso dieser Shitstorm? Er redet nicht von Depressiven im Allgemeinen sondern von Menschen, die sich selbst nicht helfen können und auf Hilfe angewiesen sind. Würden sie sich in einen Bus setzen, wo der Fahrer eventuell nicht ‘ganz sauber’ ist im Kopf und ganz eventuell mit dem Gedanken spielen könnte, sich das Leben zu nehmen? Ich zahl Ihnen das Ticket. Aber Bus-, Taxi-, Krankenwagenfahrer etc. haben mehr Verantwortung als nur für sich selbst. Doch LEIDER ist die Depression eine Krankheit, die einen sämtliche Verantwortung verlieren und vergessen lässt, wenn man nur noch sich selbst und seine (pardon my french) BESCHISSENE Lebenssituation sieht. Punkt 2: Die Aussage von Herr Herrmann ist der aus Bayern sehr gewohnte Stammtisch-Populismus, der bei aktuellen Themen IMMER zum Vorschein kommt um Wählerstimmen zu fangen. Das verdient einen Shitstorm, die Aussage an sich nicht – schon allein, weil es ein minimaler Bruchteil aller Depressiven in Deutschland ist, der davon betroffen wäre.

SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach äußerte sich ähnlich. “Bei bestimmten Formen der Depression könnte ein Berufsverbot unter bestimmten Umständen notwendig sein”, sagte Lauterbach dem Magazin. Das hänge aber sehr vom Einzelfall ab. “Wenn etwa eine gefährliche Depression klar diagnostiziert wird und sich der Patient einer Behandlung verweigert, wäre ein Berufsverbot die letzte Konsequenz.”

Oha, da bläst einer in’s gleiche Horn wie Herr Herrmann (Ich möchte ihnen hierbei nahelegen diesen Namen mal ganz bewusst DEUTSCH auszusprechen, kann man dann nur lächerlich finden!). Und der Mann ist von der SPD – und er redet von Einzelfällen unter bestimmten Umständen. Der Mann hat Recht – oder würden Sie ihr Kind gerne auf Klassenfahrt schicken, wenn der Busfahrer eine Historie von Selbstmordversuchen hinter sich hat?

Um es mal abzuschließen: Viel Lärm um Nichts! Populismus gibt es nicht erst seit Heute Morgen und unsere (mit Verlaub ‘beschissenen’) Medien spielen da mit. Wäre die Überschrift nämlich nicht “Bayerns Innenminister erwägt Berufsverbot für Depressive” gewesen, wäre der Aufschrei vmtl. kleiner ausgefallen.

Ich bin selber Depressionspatient. Ich leide an einer depressiven Angststörung und nehme Anti-Depressiva. Ich fühle mich von dem Artikel oder von der Aussage von Herr Herrmann (*kicher*) oder Herr Lauterbach in keinster Weise angesprochen. Denn ich würde NIEMALS Selbstmord begehen und schon garnicht andere Menschen dabei mit hineinziehen wollen – ebenso geht es ungefähr 99.9% der anderen Depressionspatienten in Deutschland. Der Pilot der Germanwings-Maschine war eine Ausnahme und sollte eine bleiben – dass dürfte Jedem klar sein. Leider ticken aber eben nicht alle Menschen so, und wo es jetzt einen Präzendenzfall gibt, könnte es Nachahmer geben. Der Pilot wollte wohl mit einem Knall abtreten (no pun intended) und er hat das geschafft – es ist jetzt eine Aufgabe der Gesellschaft, weitere Amokläufe ähnlicher Art zu verhindern so gut es geht.

Wieso Herr Herrmann (es wird von mal zu mal besser…) nun geshitstormed wird, ist mir nicht klar. Vermutlich ist es eine große Portion ‘Ich habe lediglich die Überschrift gelesen, weil ich sonst zu faul bin’ und auch viel Mitläufertum PLUS eine Prise ‘Bayern ist eh Ausland und CSU Scheisse – da hau’ mer gerne drauf!’.

Ich bin anderer Meinung, aber das bin nur ich – ein Depressionspatient.

Viele Grüße,

euer Ursu

Tagged , ,

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: