Twitter

Guten Abend,

Ich hatte heute ein interessantes Gespräch über das Thema Twitter mit einem Nicht-Twitterer.

Mein Kumpel meinte: Twitter ist Dinge in die Welt hinausschreien und hoffen, dass es jemand hört – und er hat in gewisser Weise sehr Recht.

Twitter ist eine Plattform, in der man Dinge schreibt und hofft, in irgendeiner Form eine Antwort zu bekommen. Für viele ist diese Antwort ein Fav/Like oder ein ReTweet. Viele betreiben das Ganze sogar als eine Art Wettkampf, wer den besten Tweet schreibt, wer die meisten Follower hat, wer die meisten RTs bekommt (siehe Favstar.fm).  Viele freuen sich, wenn sie neue Menschen mit ihren Tweets erreichen und Konversationen über alle möglichen Themen führen können. Viele benutzen Twitter als Werbeplattform für sich selbst, ihr Produkt oder ihr Unternehmen. Viele benutzen Twitter als eine der schnellsten Nachrichtenquellen unserer Zeit. Wiederrum Andere suchen vielleicht nach der großen Liebe oder schnellem Sex – ob nun virtuell in DMs oder bei privaten Treffen. Das Alles sind aber nur Beispiele – und eines schließt das andere nicht aus.

Twitter ist unglaublich vielseitig und jeder entscheidet für sich selbst, wie er Twitter nutzt, was er auf Twitter sucht und wie er seine Ziele auf Twitter erreicht. Niemand wird gezwungen irgendwem zu folgen und jeder kann sich tatsächlich seine eigene Filterbubble bauen, wie es kaum woanders möglich ist, da kein bidirektionales Folgen wie bei Facebook Freundschaften erzwungen wird. Alles kann, nix muss. Das heißt natürlich auch, dass viele Leute einfach nur Bullshit machen und diese Freiheit ausnützen – sei es um Menschen zu trollen, Fakenews und/oder Hass zu verbreiten – für Hetze oder Mobbing. Vor wenigen Tagen wurde so ein Twitterbekannter von mir sehr internetwirksam per Hashtag für tot erklärt. Er ist keine riesige Person des öffentlichen Lebens, sondern ein relativ einfacher Journalist der sich wohl mit den falschen Trollen angelegt hat. Der Hashtag zu seinem Tod war übrigens mehrere Stunden Trending Topic #1 für Twitter Deutschland.

Für mich persönlich war Twitter im Laufe der Jahre (Mitglied seit 2008 – inzw. aber beim 2. Account) tatsächlich schon fast Alles. Vom Fluchtpunkt, wenn es mir schlecht ging und ich sonst niemanden zum Reden hatte bis zum Ort, wo Ich sehr viele Menschen getroffen habe und kennenlernen durfte, die auch einen bleibenden Eindruck in meinem Leben hinterlassen haben. Ich habe meinen ersten Job nach dem Studium eigentlich nur durch Hilfe einer Followerin bekommen, ich habe meine Ex-Freundin auf und durch Twitter kennen- und lieben gelernt. Ich habe exzellente Menschen getroffen und Freunde gefunden, auf die ich mich felsenfest verlassen kann. Ich habe Witze getweeted und mich gefreut, wenn andere mit mir lachen durften – aber auch viel geraged, geranted und ich war auch leider oft in Situationen, wo meine Tweets eher melancholisch und depressiv waren. Twitter ist Teil meines Lebens – und egal, wer mir folgt und meine Tweets liest, diese Person tut dies freiwillig und weil sie irgendeinen Aspekts meines Lebens anscheinend verfolgenswert findet. Dies ist ein großes Kompliment für mich und ich freue mich tatsächlich über jeden einzelnen meiner Follower.

Ich tweete nicht für irgendwen ausser für mich. In letzter Zeit mache ich das häufiger mal auch durch den Hashtag #nofucksgiven deutlich. Und ich tweete natürlich trotzdem wegen der Antworten. Niemand schreibt einen Tweet, damit ihn keiner liest. Twitter gibt einem einen Raum um seine Gedanken in die Welt zu schreien und auf ein Echo zu hoffen. Echo gibt es auf Twitter genug, positiv wie negativ. Viele meiner Follower, die schon paar Jahre dabei sind, kennen vmtl. Teilaspekte von mir besser, als meine eigenen Eltern. Das hat den einfachen Grund, dass es für mich einfacher ist, meine Gedanken ziellos in die Welt zu brüllen als sie mir wichtigen Personen zu erzählen, die dadurch verletzt werden könnten oder wo Ich einfach kein Echo will, weil ich weiß, dass ich es nicht so einfach ertrage. Twitter ist auch ein Ventil und gleichzeitig auch die Möglichkeit quasi-therapeutisch Meinungen von Menschen zu bekommen, die eigentlich unbeteiligte Zuschauer sind. Twitter ist Emotion pur – Liebe, Hass, Zuneigung, Abneigung, Wut, Freude, Schmerz. Man teilt einen Teil seines Lebens (manche mehr, manche weniger) mit seinen Followern und bekommt dafür die Möglichkeit, auch Teil deren Lebens zu sein, wenn man den Follow Button drückt. Das Alles macht Twitter für mich zu einem Teil von mir. Natürlich schreibe ich manchmal enorm viel Müll und mache doofe Witze, schreibe sogenannte Replies-from-Hell mit Wortwitzen, Zweideutigkeiten und doofen Kommentaren – aber das Alles ist ein Teil von mir, von Ursu. 100% echt, 98% doof. Wer mir folgt bekommt das volle Programm – von selbstreflektivem Gedankenmüll über seelenauffressenden Selbsthass bis hin zu tiefdepressiven Gedanken. Aber eben auch Witze, Spaß, politische Kommentare (ich reduzier das in letzter Zeit… die Diskussionen zehren…) und Konversation.

Ich weiß auch, dass sehr viele Menschen Twitter ganz anders als ich nutzen. Auch Follower und Followings von mir. Ich folge semi-realen oder komplett fiktiven Kunstfiguren – und diese teilweise auch mir. Ich folge den knallharten, favgeilen Wannabe-Elite-Comedians, die ihren Account als ein Forum für ihre besten Witze sehen und wo Konversation nicht gern gesehen wird, oder sogar einfach direkt gelöscht wird. Ich folge Menschen wie Du und Ich, die Twitter einfach als offenes Forum für die Diskussion über Serien, Spiele, Filme oder Bücher nutzen. Und mit allen diesen Leuten kann ich mich in gewisser Weise verstehen und das Medium Twitter für meine Unterhaltung nutzen, wie immer ich will.

Denn alles kann – nichts muss.

 

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