#nofucksgiven – Hässlich

Guten Abend.

Ich habe heute Nachmittag in den Spiegel geschaut. Ich stand fast nackt davor, weil ich kurz darauf geplant habe, mich kurz in die Wanne zu legen und meinen Fuß zu schonen. Mein Fuß ist aktuell angeschlagen und ich kann nur unter Schmerzen gehen.
Long story short: Was ich da sah gefiel mir nicht. Ich fand mich hässlich. Dies ist ein Gefühl, dass ich schon lange nicht mehr wirklich spürte – und doch war es diesmal anders als sonst.

Wo ich sonst das Gefühl hatte, dass ich auf Grund meines Äusseren vielleicht keine Akzeptanz erfahren könnte oder sogar auf Ablehnung stoßen könnte – wie es z.B. in meiner Schulzeit öfter der Fall war – war es diesmal ein eher rationales Gefühl, dass ich noch einen weiten Weg gehen muss, um meinen Körper nicht nur zu akzeptieren, sondern ihn zu mögen. Ich hasse mich nicht für mein Äusseres. Ich mag mich nicht weniger, nur weil ich objektiv betrachtet übergewichtig, medizinisch betrachtet vielleicht sogar adipös bin.

Ich bin kein schlechterer Mensch, nur weil ich mit meinem Äusseren unzufrieden bin.
Ich bin kein schlechterer Mensch, nur weil ich nicht den Schönheitsidealen unserer Gesellschaft entspreche.
Ich bin kein schlechterer Mensch als Bodybuilder, Topmodels oder andere subjektiv schönere Menschen.
Ich bin kein besserer Mensch als Bodybuilder, Topmodels oder andere subjektiv schönere Menschen.

Und das gilt auch für jeden anderen Menschen auch. Charakter definiert sich nicht am Gewicht oder den Maßen.

Ich wurde vor wenigen Tagen auf Tellonym gefragt, ob mein Selbstvertrauen der letzten Wochen nur Schein oder auch Sein ist. Ich musste darüber lachen, denn ich bin tatsächlich so.

Ja, es gibt Tage, an denen ich mich hässlich fühle. Tage an denen ich mich wundere, dass es Frauen gibt, die mich als schön empfinden. Es gibt auch andere Tage, wo ich das Gegenteil empfinde. Die innere Stärke, irgendwann zu sagen: “Fuck it – dann ist das eben so.” und sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist, habe ich inzwischen. Ich habe auch das Selbstvertrauen offen über mein Gewicht zu reden, das aktuell bei ungefähr 122kg liegt – Tendenz sinkend. Verdammt, es gibt inzwischen sogar Oben-Ohne-Fotos von mir im Netz. Wieso? Weil ich’s kann und weil Ich mich so akzeptiere. Hässlich oder nicht.

Am Ende zählt nicht, wie ich mich sehe, sondern wie ich auf andere Menschen zugehe und wie diese für sich dann entscheiden, was sie von mir denken. Am Ende zählt, dass ich mich selbst so weit akzeptiere, anderen Menschen die Chance zu geben, mich schön zu finden, ohne dass meine Ausstrahlung Ihnen eine negative Meinung aufzwingt.
Der Begriff des Mauerblümchens ist Vielen bekannt und ich bin inzwischen der Meinung, dass Verschlossenheit, Schüchternheit und fehlendes Selbstvertrauen bzw fehlende Selbstakzeptanz es für eine Person wesentlich schwieriger macht, von Anderen positiv betrachtet zu werden.
Der Satz “Wie soll dich denn jemand lieben, wenn du dich selbst nicht liebst.” ist ein großes Klischee und enthält aber eben doch einen wahren Kern.

Lebensfreude ist sexy! Wer offen auf die Menschen zugeht, ihnen ein Lächeln schenkt, ihnen in die Augen sieht und ohne Rücksicht auf potentielle Zurückweisung Lebensfreude ausstrahlt wird öfter als er vielleicht erwartet eine positive Rückmeldung bekommen.
Der Weg zu diesem Punkt ist schwer und es wird immer Tage geben, wo man sich verkriechen möchte, wo man Angst hat, dass man nicht gut genug ist, dass man vielleicht sogar belogen wird – dass das positive Echo der Umwelt vielleicht unehrlich ist. Jeder Mensch hat in seinem Leben schlechte Erfahrungen gemacht mit falschen Freunden, unehrlichen Menschen oder schlichtweg Enttäuschung durch einem vormals wichtige Menschen. Die wahre Stärke ist, sich nicht von diesen Ängsten besiegen zu lassen. Es heißt nicht umsonst ‘Über seinen eigenen Schatten springen’ und diese Ängste sind dieser Schatten, dieser Dämon der verhindert, dass wir Akzeptanz erfahren, Freunde finden und unseren Platz finden, an dem wir uns wohl fühlen, weil wir uns verstanden fühlen.

Selbstakzeptanz bedeutet aber auch, subjektive Kritik von objektiver zu trennen. Wenn mir ein Freund sagt, dass ich “Scheisse” aussehe, weil ich übermüdet bin und mal wieder zu wenig Schlaf hatte, dann ist das auch der Ausdruck seiner Sorge, dass ich mich besser um mich selbst kümmern sollte. Wenn mir eine fremde Person, der nichts an mir liegen sollte soetwas sagt, dann kann man diese Information getrost auch abheften. Sie kennt einen nicht und wenn man diese Information an sich heranlassen würde, wird man verletzbar. Auch dies braucht Kraft und es ist nicht leicht, solche Kommentare einfach an einem abprallen zu lassen.

Jeder Mensch kennt vermutlich Kommentare aus dem Off, sei es in der UBahn oder an anderen öffentlichen Plätzen.
Schnell hört man mal Beleidigungen wie ‘Fette Sau’, ‘Hässliche Kröte’ oder andere unbedachte oberflächliche Kommentare von Arschlöchern und nicht jeder Mensch hat die Kraft, solche Kommentare mit einem Lächeln wegzuwischen, vielleicht sogar eine passende Antwort zu geben. Besonders Menschen mit einem weniger dicken Fell neigen dazu, solche Aussagen in sich zu fressen, sie an einem nagen zu lassen, sie nach Aussen hin zu ignorieren um keine Szene zu riskieren oder weitere Kommentare zu riskieren – und besonders Menschen, die eher schüchtern, verschlossen und unsicher wirken werden Opfer solcher Idioten. Auf Schwachen lässt es sich eben leichter rumtrampeln, weil man ein Echo meist selbst nicht gut verträgt, wenn man ein Arschloch ohne echte Freunde ist, dessen einzige Lebensfreude auf dem Leid anderer aufbaut. Niemand mit echtem Selbstvertrauen hat es nötig Andere runterzuziehen!

Ich wünsche jedem Leser und jeder Leserin, der diese Probleme kennt, dass er/sie irgendwann die Kraft und Stärke findet, die ich für mich gefunden habe. Dass er/sie sich irgendwann selbst so akzeptiert, dass er/sie ohne Angst auf Menschen zugehen kann – sei er/sie introvertiert oder extrovertiert.

Am Ende kann ich für mich sagen: Es lohnt sich. Es ist egal ob ich mich fett, hässlich und doof fühle. Es zählt nur, dass ich jedem Menschen, der mir begegnet die Chance gebe, sich selbst ein Bild zu machen.

In diesem Sinne – euer heute hässlicher Ursu.
P.S.: Ich wollte euch noch einen Auszug aus dem Lied Hässlich von ASP hinzufügen.

Wenn Du mich fragst, warum ich hässlich bin
Und wie ich leben kann, wenn ich so hässlich bin
Es ist wie Du sagst, bin so hässlich und nichts wert
Man sieht es mir schon an: mein Inneres verkehrt

Hässlich will ich für euch sein
Und wie ein böser Traum
Der euch nicht nur des Nachts besucht
Und ihr entkommt ihm kaum
Der Spiegel eures Innern
Ihr wisst es nur noch nicht
Ich zeig euch eure Seele
In meinem hässlichen Gesicht

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2 thoughts on “#nofucksgiven – Hässlich

  1. Melly Pinkerbell says:

    Sau geil!!!!!👌🎉Du hast sowas von Recht!!!!! Dein Text ist einfach nur klasse !!❤️! Die Menschheit ist viel zu oberflächlich & man geht mit sich selbst einfach viel zu kritisch um . Ein schönes We👉💎✨

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