[Teaser] Der Tod kostet das Leben

Entnervt warf er die Sense in die Ecke. Nach über 4000 Jahren mit etwas, was man Zivilisation nennen könnte, war er müde. Todmüde. Natürlich hatte er den Job schon wesentlich länger, aber ungefähr 3900 der letzten 4000 Jahre war der Job mehr oder weniger entspannt. Hier ein Krieg, da die Pest, Cholera, die spanische Grippe, Feldzüge, Umweltkatastrophen. Die meisten seiner Großaufträge gut dokumentiert in den Geschichtsbüchern der Menschen, hatte er eine gute Zeit – von Zeit der Ägypter über die Römer bis zum 30jährigen Krieg. Nie wurde ihm langweilig. Bis jetzt.

Er war müde und erschöpft. Ihm war auch nicht wirklich langweilig. Er war es nur satt, dass das Töten die letzten 100 Jahre schlicht unkreativ wurde. Wo früher Menschen noch Duelle ausfochten oder sich im mehr oder minder gerechtfertigten Zweitkampf erschossen, erstachen oder schlicht zu Tode prügelten, traf auch ihn die Industrialisierung wie seine Sense eine Familie in ihrem Minivan, der von einem Güterzug erfasst wird. Wo ist denn heute die Kreativität? Früher durfte er sich aussuchen, ob seine Kunden vom Schwerte sofort hingestreckt werden oder sie noch teilweise Wochen langsam dahinsiechten um letzlich an einer Sepsis zu krepieren. Heute? Kopfschuss. Giftgas. Selbstmordbomben. Wo bleibt denn da das Leiden? Wo bleibt die Kreativität, wenn ein einziges Flugzeug gleich hunderte Menschen in Sekunden dahinrafft?

Natürlich gab es im Laufe der Gesichte immer wieder große Katastrophen – Vulkanausbrüche, Erdbeben, Flutwellen – doch auch da war seine Kreativität gefragt. Er verstand sich als Virtuose, wenn er gezielt Menschen mit umherfliegenden Ziegelsteinen dahinraffte, während ein Sturm tobte und andere scheinbar Glück hatten, weil sie nur um wenige Centimeter verfehlt wurden. Falls ihr euch schonmal gefragt habt, wieso bei großen Unglücken einige wenige wie durch ein Wunder überleben können – Großaufträge und die pure Faulheit, diese einzeln abzuarbeiten.  Und doch mehren sich diese Aufträge die letzten Jahre. Die Menschheit hat Mord & Totschlag effizient industriell globalisiert.

Tausende Schussverletzungen jeden Tag. Autounfälle sind selten spannend und der ewige Kampf gegen die Menschheit mit ihrem Jugendwahn bleibt auf der Strecke. Das Durchschnittsalter steigt und steigt – und der einzige Grund ist, dass die Auftragslage die letzten Jahre unglaublich anstrengend und zermürbend ist. Er braucht eine Pause. Er will mal schauen, wie ein paar seiner zukünftigen Aufträge aktuell so ihr Leben genießen. Party machen. Vielleicht auch mal nicht gehasst werden, Menschen treffen, die nicht sofort vor Angst tot umfallen, wenn sie ihn sehen. Zumindest, mit einem anderen Outfit.

Langsam legt er den langen, schwarzen Mantel ab, klopft den Staub der letzten Tage und Wochen ab und hängt ihn an seine Sense. Grimmig blickte er in die müden, leeren Augen im Spiegel. “Zeit für Urlaub!” sagte er mit eiskaltem Grinsen, als er sein Tablet herausholte um sich ein Outfit auszusuchen. Ob Giacomo Casanova wohl auch heute so viel Spaß hätte? Oder doch ein junger Odysseus – oh ja, die aktuelle Bartmode passt eher zu Odysseus als zu Casanova. Als südländischer Tourist fällt er hoffentlich auch nicht zu sehr auf – er will seine Ruhe und mal sehen, wie dieses “Leben” so ist. Die Welt wird schon nicht untergehen, wenn er ein paar Tage Auszeit nimmt.
Zwei Stunden später steht er am Flughafen an der Ostküste Mexikos und steigt wie viele andere junge Touristen aus einem Flugzeug. Spring Break soll der heiße Scheiss sein, wenn man Entspannung braucht und Stress abbauen will. Immerhin dieses Jahr wird es wohl keine Drogentoten und Alkoholleichen geben. Denn der Tod kostet das Leben.

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