Mehr.

Menschen sind komplexe Wesen. Sie sind Lebewesen, die teils unterschiedlicher kaum sein können. Sie sind klein und groß, dick und dünn, männlich, weiblich, divers, blond, brünett, glatzig, mit kurzen sowie langen Haaren, schwarz, weiß, gelb, braun, rot und häufig bunt. Sie haben große Brüste, lange Nasen, spitze Bärte, große Ohren, lange Finger, dicke Zehen, große und kleine Augen, dicke und dünne Lippen. Sie sind schnell oder langsam, faul oder fleißig, sportlich oder träge, Leser oder Zuschauer, intro- oder extrovertiert, offen oder verschlossen, still oder laut. Und egal welches dieser Attribute auf einen Menschen zutrifft, so ist er am Ende der Liste seiner Attribute Mensch. Mit Haut und Haar, von Kopf bis Fuß, von A wie Arterie bis Z wie Zahnschmelz. Und als Mensch ist er mehr als all diese Attribute, die diesen Menschen beschreiben können und häufig doch nichts über Ihn oder Sie als Gesamtwerk Mensch aussagen.

Mensch sein bedeutet ‘mehr sein’. Mehr als die Summe der Attribute, die man auf den ersten Blick oder im ersten Gespräch oder auch nach Jahren in denen man glaubte, sich zu kennen, von jemandem sieht. Kein einziges Attribut definiert den ganzen Mensch. Kein einzelnes Attribut gibt einem das Recht, vollumfänglich über einen Menschen zu urteilen oder diesen sogar zu verurteilen.

Und doch, so ist es inzwischen wieder üblich – wir kategorisieren, wir denken in Attributen statt in Menschen. Wir grenzen aus und wir verurteilen. Wir benutzen Begriffe um Menschen aufgrund ihrer Attribute – äusserlich wie innerlich – auf ihre Attribute zu reduzieren. Wir reduzieren und verlieren selbst dabei eine unglaublich wichtige Sache: Menschlichkeit.

Der junge Kerl, der in Boots mit zerissenen Jeans, Bandshirt und mit Glatze im Zugabteil sitzt, der ist sicher Nazi. Vielleicht spricht es niemand so direkt aus, aber so denken wir. Wir denken in Schubladen und in Stereotypen.
Der alte Mann mit langem, grauen Bart und Turban mit seiner Frau und zwei Töchtern in der Bahn, der unterdrückt seine Familie sicherlich. Natürlich MUSS das so sein, schließlich tragen alle 3 Frauen Schleier und Kopftuch. Sind es gar nicht seine Frau und Tochter? Hat er vielleicht gar seinen Harem dabei? Man spricht ihn nicht an, man sucht nicht den Dialog sondern urteilt. Es ist oft so offensichtlich und häufig doch so falsch. Aber so funktionieren Vorurteile.

Der junge Kerl leidet an genetisch bedingtem Haarausfall und hätte so gerne die langen Haare seiner Freunde. Headbanging macht ohne Haare nur halb so viel Spaß. Die Blicke der Leute in der Bahn stören ihn nicht mehr – lieber doofe Blicke als diese komische Halbglatze mit der kahlen Stelle am Kopf die ihm in seiner Clique den Spitznamen Monk eingebracht hat. Er findet das cool, denn er hat in seiner Jugend Karate Kid und American Shaolin gesehen, für extrem cool befunden und die asiatische Kultur mit ihren Klöstern und Mönchen fasziniert ihn. In seiner Tasche liegt ein Buch über den Buddhismus.
Der alte Mann ist mit Frau und zwei Töchtern aus einem Kriegsgebiet geflohen. Was Sie am Körper tragen ist ein Großteil dessen, was Sie noch haben. Zwei seiner Söhne starben in diesem Krieg, zu verlor man auf der Flucht den Kontakt. Als seine Heimatstadt mit Mörsergranaten beschossen wurde entschied er sich zur Flucht. Er ließ Alles zurück um die Personen, die er über Alles in der Welt liebt in Sicherheit zu bringen. In seinem Land war er ein angesehener Arzt, aber in Deutschland darf er nicht praktizieren. Seine Frau und Töchter sind unglaublich glücklich und dankbar, dass Vater und Ehemann mit Ihnen geschafft hat zu überleben. Sie haben nicht viel und versuchen hier ein neues Leben zu beginnen.
Die Schleier tragen Sie aus Respekt, religiösem Glauben und zu ihrem eigenen Schutz. Es ist ein Teil ihrer Kultur, die Sie bei ihrer Flucht mitgenommen haben. Teil ihrer Erziehung. Teil von Ihnen als Mensch. Sie zu zwingen diese Schleier nicht mehr zu tragen wäre für manche vielleicht vergleichbar mit dem Zwang plötzlich überall nackt herumlaufen zu müssen. Das würde hier auch niemand wollen, oder?
Auch Sie sehen die Blicke der Einheimischen*. Sie spüren, dass sie nicht überall Willkommen sind und wie Ihnen Menschen aus dem Weg gehen – aber auch das ist besser, als die Menschen in ihrem Land, die Ihnen offen nach dem Leben trachten. Weil Sie anderen Glaubens sind, weil Sie im falschen Landesteil oder sogar nur im falschen Stadtteil geboren wurden, weil Sie Menschen helfen wollten und über Attribute wie Religionszugehörigkeit, Aussehen, Herkunft hinwegsahen und damit selbst zu Verfolgten wurden.

*Ich hatte an dieser Stelle das Wort ‘Deutschen’ stehen – aber wenn meine Erfahrung im Alltag mir Eines gezeigt hat, dann sind die Menschen mit Migrationshintergrund, die einfach einige Jahre vorher bereits da waren häufig genauso zuwanderungsfeindlich.

Dies sind extreme Beispiele, die ich in dieser Form frei erfunden habe und die doch für Viele der Leser in ähnlicher Form bekannt sein dürften. Wer auf Menschen zugeht, bereit ist diese kennenzulernen und nicht mit verschlossenen Augen und Scheuklappen durch die Welt geht, der erkennt normalerweise recht schnell, wie erste Eindrücke täuschen können. Der erkennt, dass nicht alles Schwarz & Weiß ist. Dass die Grautöne der Menschen unserer Gesellschaft diese zu dem bereichern, was ich als ‘Mehr’ bezeichne.

Jeder Mensch hat in meinen Augen verdient, gehört zu werden. Was er sagt, mag absoluter Dreck sein und vielleicht ist er kein Mensch, den man um sich haben möchte, vielleicht ist er ein riesengroßes radikales Nazi-Arschloch. Aber wenn man ihn nicht hört und vorher sein Urteil bereits gefällt hat aufgrund von Attributen, die vielleicht passen könnten, dann ist man kein besserer, nur ein anderer Mensch auf der anderen Seite des Spektrums. Der Übergang ist dabei übrigens fließend und es gibt keine harten Kanten – es gibt nur Menschen. Und diese Menschen sind meist so unterschiedlich, dass man von Einem nie auf den Anderen schließen sollte.

Kein Mensch ist frei von Fehlern, Macken oder der einen oder anderen komischen Ansicht. Und doch definieren wir unsere Umwelt und die Menschen in der Gesellschaft immer mehr auf Grund ihrer Attribute. Zu viel für meinen Geschmack und viel zu häufig ohne die Person zu kennen oder sogar ganze Personengruppen. Du besuchst ein Festival für deine Lieblingsband und es tritt eine andere Band mit nationalistischem Gedankengut auf? Sofort bist auch du als Rechts abgestempelt. Die anderen Bands treten auf der gleichen Bühne am gleichen Festival wie diese Band auf? Alle Rechts und nicht genug distanziert vom nationalistischen Gedankengut der rechten Band. Du betrachtest radikale Aussagen und Taten gegen Nazis wie die AfD – mit Beispiel angezündeter Autos und Hetzaufrufen – eher kritisch? Du wärst sogar bereit mit diesen Flachpfeiffen und geistigen Tieffliegern in einen Diskurs zu gehen um neben mangelnder Menschlichkeit die Ursachen zu verstehen um ihrem weiteren Aufstieg als Partei gegenwirken zu können? Dann bist du irgendwann Nazi-Versteher oder noch schlimmer: Man stellt dich selbst auf eine Stufe mit diesen. Denn es kann neben Weiß nur Schwarz mehr geben – für uns oder gegen uns. Gut oder Böse. Blaue oder rote Pille.

Doch das sind wir nicht. Wir sind mehr. Wir Menschen – alle Menschen – sind mehr als unsere Attribute. Wir sollten uns auch so benehmen. Ausgrenzung hat noch nie dazu geführt, dass Menschen sich änderten. Ausgrenzung führt zu Rissen und aus diesen Rissen werden irgendwann unüberwindbare Schluchten und verhärtere, eiskalte Fronten.

Und jeder Einzelne von uns kann bei sich selbst anfangen. Vorurteile aktiv überwinden, auf Menschen aktiv zugehen, Menschen aktiv zuhören und Ihnen die Konsequenzen falschen Handelns oder Denkens aktiv aufzeigen. Konstruktiv statt destruktiv – inklusiv statt exklusiv. Aktiv durch Dialog statt passiv durch Ausgrenzung. Es bedarf Überwindung, es bedarf Kraft und viel Einsatz und man kann niemals Alle retten, es gibt hoffnungslose Fälle und menschliche Katastrophen – aber niemand sollte aufgeben ohne es versucht zu haben.

Und wenn man nur einen Menschen überzeugt, dann lohnt sich dieser Kampf. Es ist ein harter Kampf und es ist ein Kampf den man nicht für sich alleine führt sondern für alle Menschen unserer Gesellschaft. Für die Zukunft unserer Gesellschaft und ein Zusammenleben in Menschlichkeit und im Dialog. Kein Leben in Schubladen. Arm gegen Reich, Dick gegen Dünn, Rechts gegen Links, Vegan gegen Omnivor, Frau gegen Mann, etc. etc. bedeutet am Ende auch immer Mensch gegen Mensch.

Auge um Auge und die ganze Welt wird blind sein.
Mohandas Karamchand Gandhi, *1869 †1948
Indischer Rechtsanwalt und geistiger Führer der indischen Freiheitsbewegung


Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: