Die Ananas auf dem Teigfladen

de gustibus non est disputandum“Über Geschmack lässt sich nicht streiten.”

Es ist eine ganze Weile her, dass ich hier einen Beitrag veröffentlicht habe, aber irgendwie ist mir danach ein Thema anzusprechen, das mir persönlich sehr am Herzen liegt und das häufig übersehen wird. Für mich ist es eine Form von Mobbing und es ist ein Thema, wo ich mir vorgenommen habe, dass ich in Zukunft vermehrt darauf achte, diese Form von Mobbing immer mehr aus meinem Leben auszuschließen und anzusprechen, wenn Sie mir begegnet.

Ich rede hierbei von Foodshaming. Ich weiß nicht, ob das ein gängiger Begriff ist, aber ich nenne es jetzt einfach so. Jeder kennt die Sätze

“Ieh, das ist ja eklig.”

“Wie kann man sowas nur essen?”

“Bah, nee – das ist ekelhaft.”

“Bist du schwanger? Sowas isst man doch nicht!”

oder vergleichbare Formen. Das fängt bei A wie Aal an und endet bei Z wie Zitronenwasser. Das betrifft die Ananas auf der Pizza genauso wie den Rosenkohl, gegrillte Insekten, die Nutella mit sauren Gurken oder andere ungewöhnliche Geschmackskompositionen.

Und nahezu täglich werden Menschen und ihr persönlicher Geschmack so in Frage gestellt. Als erwachsener Mensch ist das vermutlich relativ einfach abzufangen und man kennt es ja eh. Meist wird man sogar so erzogen und lernt schon als kleines Kind vom Umfeld, was geschmacklich “okay” ist und was nicht. Eine eigene, freie Entwicklung findet meist erst später statt, wenn man denn Interesse daran hat auch mal etwas ‘Ausgefallenes’ auszuprobieren.

Wenn man mit sich selbst im Reinen ist, kann man damit vermutlich gut umgehen. Schwierig ist das aber vor Allem im schulischen Rahmen bei Kindern, die häufig noch nicht vollständig gefestigt sind.

Von Klein

Jeder kennt die Geschichte vom verschimmelten Pausenbrot in der Schultasche, das erst nach Ende der Ferien gefunden wird. Über die Gründe wird häufig gelächelt – aber was ist, wenn das Kind sich vielleicht garnicht traut, das Pausenbrot auszupacken. Was, wenn die Mitschüler die Gurken auf dem Brot als ekelhaft empfinden und das Kind deswegen auslachen? Kaum jemand stellt diese Frage – kaum jemand bekommt von seinem Kind vermutlich die Wahrheit. Kindern wird beigebracht, dass man sich ‘nicht ärgern lassen soll’. Wer gemobbt wird und das zugibt, der zeigt Schwäche. Häufig werden Kinder leider auch heute noch zum Gegenteil erzogen – lieber Stärke spielen als Schwäche zeigen.

Also wird lieber gehungert oder etwas am Schulkiosk gekauft. Das ist genormt, wird eher akzeptiert und bietet weniger Angriffsfläche für die Klassenkameraden. Und ja, natürlich spreche ich da aus persönlicher Erfahrung – selbst wenn das schon ein paar Jahre her ist. Ich habe mehr als einmal das Pausenbrot erst Zuhause nach der Schule gegessen oder es tatsächlich irgendwann weggeschmissen. Man möchte seinen Eltern ja auch nicht sagen, dass man für das Pausenbrot, wo Sie sich Mühe gegeben haben einem etwas mitzugeben, gehänselt & ausgelacht wird.

…bis Groß!

Die Konsequenz ist dann auch ein schwieriges oder sogar gestörtes Konsumverhalten im späteren Leben. Selbstgemachtes sieht häufig nicht so appetitlich aus wie das auf optisches Marketing getrimmte Supermarkt Sandwich oder der Salat aus der Kühltheke. Dazu kommt vor Allem im Büro auch der olfaktorische Aspekt. Ein selbstgemachter Thunfischsalat oder ein rustikales Leberwurstbrot mag einem sehr gut schmecken, aber bringt häufig auch eine gewisse Duftwolke mit sich, die nicht jedem ‘schmeckt’.

Knoblauch ist in diesem Bereich auch ein großes Thema – teils wird bereits Zuhause während der Woche nicht mit Knoblauch gekocht oder dann vorsichtshalber am nächsten Tag direkt präventiv entschuldigt oder nach Ausreden gesucht (“Gestern waren wir beim Griechen.”). Natürlich ist das vom sozialen Aspekt her vielleicht löblich, weil man ja seine Kollegen nicht belästigen möchte. Schwierig ist es, weil man indirekt oder sogar direkt in seinem persönlichen Geschmack eingeschränkt wird oder sich einschränken lässt.

“Ekelhaft!”

In Social Media hat es sicher jeder schonmal gesehen oder gelesen: “Ananas gehört nicht auf Pizza!”. Ein souveräner und gefestigter Mensch sagt dann: “Mir schmeckt das aber.” Aber es geht heutzutage bei Gesprächen zur “Ernährung der Anderen” nicht mehr nur um den Geschmack.

“Du isst veganes Schnitzel? Warum isst du denn nicht gleich ein Richtiges?”

“Nee, das ist von Nestlé – sowas ess ich ja nicht. Bah!”

“Da ist Palmöl drin, sowas würde ich ja nicht essen!”

“Dafür ist ein Tier gestorben! Wie kannst du nur?”

“Rosenkohl schmeckt einfach Kacke – kA wie man das mögen kann.”

“McDonalds Fraß könnte ich ja nie essen. Ieh!”

Was man damit ausdrücken will ist meist der persönliche Geschmack. Was man damit tatsächlich macht, ist den Geschmack des Gegenübers zu entwerten und als minderwertig darzustellen. Man greift den Gesprächspartner auf subtile Weise an und möchte ihn dazu bewegen sich anzupassen.

Es gibt Menschen, die das unbewusst tun und sich nichts dabei denken – und es gibt Menschen, die das vollkommen bewusst tun um ihre persönliche Agenda zu pushen. Jeder kennt das Vorurteil, dass Veganer einem defintiv erzählen, dass sie Veganer sind – man muss nicht nachfragen. Und sei es die Umwelt, der Klimawandel oder das Tierwohl, das die Person im Hinterkopf hat, wenn Sie einen darauf hinweist oder die Hervorhebung der persönlichen Überlegenheit, ist dabei total egal. Es ist den meisten Menschen unangenehm. Vielleicht, weil Sie wissen, dass die Person grundsätzlich Recht hat – vielleicht, weil Sie sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt fühlen zu essen, was ihnen schmeckt.

…lässt sich doch streiten!

Wir leben in einer Welt, in der die Ernährung ein sehr zentrales Thema ist. Die oben genannten Aussagen sind vermutlich inzwischen sogar häufiger als Sprüche wie:

“Bist du sicher, dass du das essen willst?”

“Ich ess sowas ja nicht, da werd ich nur FETT von…”

“Nee, das ist zu viel Zucker für mich.”

Diese sind unter dem Begriff des Fatshaming (zumindest in meinem Umfeld) bereits reduziert worden. Was dazu in meinen Augen sehr ähnlich ist, ist eben die Diffamierung bestimmter Nahrungsmittel und Ernährungsweisen.

Leben – und leben lassen.?

Eine der schwierigsten Aussagen, die ich häufig in solchen Diskussionen lese und die ich persönlich eigentlich auch so teile. Das Problem ist, dass viele derjenigen, die diese Aussage tätigen, eigentlich “Lass mich in Ruhe!” sagen und im anderen Rahmen sehr gerne ihren eigenen Geschmack anderen Aufdrängen wollen.

“Probier doch mal.”

“Du kannst ja garnicht sagen, ob dir das schmeckt…”

“Es bringt dich schon nicht um, auch mal was Neues zu probieren”

“Aber,…”

Nein heißt dann für manche eben nicht Nein. Da wird absichtlich veganes Gemüse auf dem Grill mit Fleischsaft in Berührung gebracht. Da wird gelogen und betrogen und teils wird versucht Leuten etwas unterzujubeln, was Sie eigentlich nicht essen wollen. Warum?

“Wenn’s mir schmeckt, dann sicher auch dir!”

Bullshit! Aber es gibt viel zu viele Menschen, die genau aus diesem Gedanken heraus übergriffig, mißbrauchend und mobbend durch’s Leben gehen.

Das persönliche Recht, nur das zu sich zu nehmen, was einem schmeckt und was man persönlich lecker oder für sich richtig empfindet wird reihenweise beschnitten. Sei es von Lokalen, die absichtlich keine vegetarischen oder veganen Gerichte anbieten oder von Menschen, die ihren Geschmack als alternativlos betrachten. Natürlich steht es jemandem frei bei diesen Menschen oder Lokalen nicht mehr Gast zu sein.

Es genügt aber eben auch schon ein herabwürdigender Blick oder einer der oben genannten Sätze um eine negative Entwertung des Geschmacks einer Person zu erreichen. Das empfinde ich als Foodshaming und werde versuchen solche Sätze mehr und mehr aus meinem Leben zu entfernen.

Ich muss nicht mit den Lebensentscheidungen meiner Umwelt konform gehen und mich diesen anpassen, aber Ich muss akzeptieren, dass meine Umwelt ihre eigenen Entscheidungen trifft ohne meiner Bewertung zu bedürfen. Diese Freiheit möchte ich für mich persönlich – und diese Freiheit möchte ich meiner Umwelt zugestehen.

In diesem Sinne:

‘n Guten!

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One thought on “Die Ananas auf dem Teigfladen

  1. Provokrokant says:

    Mich erinnert das an eine Situation im Restaurant, die ich äußerst dreist fand. Ein Bekannter von mir isst vegan und hat sich nach einer Pokémonrunde im Restaurant Nudeln mit Tomatensoße bestellt (hat extra gesagt, dass er nichts dazu will) und sie haben ihm Parmesan drüber gestreut, sodass er das Essen zurückgegeben hat. Er bekam den Teller dann zurück, auf dem man deutlich gesehen hat, dass der Käse einfach wieder runtergenommen wurde. Das fand ich schon unverschämt und fällt für mich auch in diese Kategorie.

    Guter Beitrag 🙂

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