244: Drishyam (2015)

Nach einer Woche Pause in den #Top250 gibt es heute für euch ein kurzes Review vom indischen Film Drishyam aus dem Jahre 2015. Den Film kann man in Deutschland bei Netflix sehen, allerdings nur in Hindi mit Untertiteln, was die knapp über 2h40min durchaus zu einer Herausforderung machte.

Der Film handelt vom Familienvater Vijay Salgaonkar, der in einem Dorf in Indien ein angesehener Mann ist, da er Anbieter des örtlichen KabelTV ist. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern etwas ausserhalb in einem wunderschönen Haus. Das Leben scheint es gut mit ihm zu meinen, und doch sitzt er die meisten Abende allein in seinem KabelTV Studio und schaut Filme anstatt bei seiner Familie zu sein. Trotzdem würde er trotz kleiner Diskussionen alles für seine Familie tun und erfüllt als liebevoller Vater die Wünsche seiner Töchter und ist gut zu seiner Frau. So kommt es auch, dass er seiner (adoptierten) älteren Tochter eine teure Klassenfahrt ermöglicht – was fatale Folgen haben wird. Vijays Kampf gegen den korrupten Sadisten & Dorfinspektor Gaitonde, die skrupellose Polizeidirektorin auf der Suche nach ihrem Sohn und für seine Familie füllt die 160 Minuten Spielzeit sehr gut aus. Es bleibt konstant spannend und sowohl die schauspielerische Leistung als auch das in Szene setzen der Region Goa ist großartig.

Ich hatte Anfangs befürchtet, dass dieser Film mich nicht in seinen Bann ziehen kann. Das hätte es bei dieser Länge und lediglich Untertiteln schwierig gemacht, dabei zu bleiben. Diese Befürchtung war absolut unberechtigt und deswegen gebe ich Drishyam auch dieses Fazit:

Meine Wertung:

9/10 Punkte

( –> VStrickt’s Bewertung <– )

Wenn ihr mal einen spannenden, aufwühlenden Film sucht, der euch mitfiebern lässt und euch auch emotional durchaus mitreißen kann: Drishyam ist defintiv wert auch mal über den eigenen Tellerrand zu gucken. Eine kleine Triggerwarnung muss ich hierbei aber aussprechen: Im Film kommt viel Polizeigewalt vor. Auch gegen Frauen und auch gegen Kinder. Leider ist das vermutlich sogar realistisch und zeichnet kein gutes Bild über die Machtposition der Polizei in Indien. Dort möchte ich auf jeden Fall nie eine Aussage machen müssen.

Der nächste Film in der Reihe #Top250 ist dann nächste Woche The Invisible Guest / Der unsichtbare Gast aus dem Jahre 2016.

Bis dann,

Ursu

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245: Cast Away (2000)

Guten Abend,

da der Film The Battle of Algiers aus dem Jahr 1966 als Stream nicht gut zu bekommen war, haben wir über einen Vote von unseren Followern auf Twitter den Auftrag bekommen Cast Away mit Tom Hanks aus dem Jahr 2000 zu schauen.

Weil es uns beiden Gestern nicht super ging haben wir den Film wieder auf Montag Abend verschoben. Zur Geschichte, für alle die sie wirklich noch nicht kennen sollten: Ein als Workaholic berüchtigter FedEx Mitarbeiter ist einziger Überlebender eines Flugzeugabsturzes und strandet auf einer einsamen Insel, wo er mit Hilfe von Treibgut aus FedEx Paketen und allem, was die kleine Insel so hergibt um sein Überleben kämpft. Es ist eine relativ klassische Robinson Crusoe story und nicht sehr überraschend, aber von Tom Hanks exzellent dargestellt. Man merkt, wie sehr die Isolation ihn mitnimmt und wie der tägliche Kampf ihn verändert.

Falls jemand den Film noch nicht gesehen hat, verrate ich natürlich nicht ob er die Insel jemals wieder verlassen kann. Aber mein Fazit für den heutigen Film lautet:

Meine Wertung:

7/10 Punkte

( –> VStrickt’s Bewertung <– )

Die Bildführung ist großartig, die schauspielerische Leistung von Tom Hanks exzellent. Einige Szenen und Sätze haben Einzug gehalten in die Popkultur der letzten Jahrzehnte und so ist es durchaus ein Must-See Klassiker der letzten 20 Jahre. Wieso ich trotzdem nur 7 Punkte gebe? Die Story ist bei einem Rewatch nicht überaus spannend und die Tatsache, dass Sie von Anfang an nicht unbedingt vor Kreativität strotzt gibt für mich einfach Abzug. Wirklich sympathisch ist der menschliche Hauptcharakter auch nicht wirklich – zumindest für mich. Wie bereits erwähnt ist er ein Workaholic und als solcher auch nicht sehr bekömmlich für Kollegen oder seine Umwelt.

Nächste Woche ist das indische Drama Drishyam auf der Liste und ich bin schon sehr sehr gespannt, weil es eben kein Holly- noch Bollywood Popcorn Kino ist und ein sehr guter Film sein soll. Ihr dürfte gespannt sein!

bis nächste Woche,
Ursu

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246: The Help (2011)

Mit einem Tag Verspätung zum regulären Termin am Sonntag haben wir heute The Help aus dem Jahre 2011 von Regisseur Tate Taylor in unserer #Top250 Reihe geschaut.

Der Film erzählt die Geschichte einiger Kindermädchen in Jackson, Mississippi zu einer Zeit als Schwarze noch wie Leibeigene behandelt wurden und nicht wie Menschen. Eine engagierte junge Frau, die Journalistin werden möchte und selbst von einem schwarzen Kindermädchen auf- und erzogen wurde, schafft mit viel Überzeugungsarbeit Ihnen ihre Geschichten zu entlocken, um diese aufzuschreiben und öffentlich zu machen. Ich fasse mich kurz und sage: Dieser Film ist einer den wirklich JEDER gesehen haben sollte. Dieser Film zeigt sowohl wie weit wir in den letzten 70 Jahren gekommen sind, aber auch in erschreckender Weise das, was Grund dafür sein könnte, dass viele alte Menschen die in dieser Zeit lebten oder aufwuchsen heute so sind, wie sie sind.

Meine Wertung:

10/10 Punkte

(VStrickt’s Bewertung)

Absolut wichtiges und unglaublich gutes Drama, das einen packt und mitreißt. Octavia Spencer hat nicht umsonst den Oscar für die beste Nebendarstellerin erhalten und wer diesen Film noch nicht gesehen hat sollte sich die knapp über zwei Stunden Zeit nehmen. Großartiges Kino mit einer unglaublich wichtigen Message.

Der Film für nächste Woche steht noch nicht fest, dazu aber im Laufe der Woche mehr auf Twitter.

Schöne Woche und bis zum nächsten #Top250 Movie.

LG Ursu

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247: The Princess Bride (1987)

Als nächster Film in unserer Reihe #Top250 war heute The Princess Bride von 1987 dran.

Ich kann mich heute eigentlich recht kurz fassen. Ich mag nahezu alles an diesem Film. Er ist leichte und humorvolle Unterhaltung und ist eben genau das, was die erste Szene bereits zeigt: Ein Märchen, für aufwachsende Kinder. Man sollte den Film nicht zu ernst nehmen und auf keinen Fall irgendwelche hohen Ansprüche an Texte, schauspielerische Leistung oder Special Effects setzen. Die Zielgruppe sind heranwachsende Kids und genauso muss man den Film eben auch schauen. Es ist die ziemlich kitschige, überspitzte Liebesgeschichte eines Opas, der seinem Enkel eine Gute Nacht Geschichte vorliest.

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248: Winterschlaf – Kış Uykusu (2014)

Als dritten Teil unseres Projekts #Top250 war heute das türkische Drama Winterschlaf im Programm. Nach anfänglichen technischen Problemen konnten wir also das über drei Stunden lange und mit vielen Preisen ausgezeichnete Machwerk des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan.

Nun… ich fasse mich diesmal kurz. Bei so viel Film blieb nicht viel übrig, was erwähnenswert wäre. Die Charaktere sind in ihrem ganzen Sein von einer tiefen – und eigentlich traurigen – Kaputtheit geprägt, dass es schwer fällt eine Person zu erwähnen, die Sympathien in mir als Zuschauer wecken würde.

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249: Vier Hochzeiten und ein Todesfall (1994)

Die zweite Woche im Projekt #Top250 hat den ersten Ersatzfilm, da der Film Tangerines vom georgischen Regisseur Zaza Urushadze nicht aufzutreiben war. Leider ist dieses Anti-Kriegsdrama weder bei Streaminganbietern noch als DVD oder Bluray erhältlich, weshalb VStrickt sich für Vier Hochzeiten und ein Todesfall entschied. Dies ist das erste Mal und vermutlich das letzte Mal, dass wir so entscheiden, welchen Filmklassiker wir als Ersatz schauen. Das nächsten Mal werden Sie und Ich jeweils zwei Filme auswählen und dann auf Twitter eine Umfrage starten, wo Ihr als Leser die Wahl habt, welchen der vier Filme wir in der folgenden Woche schauen werden. Aber genug davon, jetzt geht’s um den Film…

Vier Hochzeiten und ein Todesfall. Eine brittische Liebeskomödie in Regie von Mike Newell mit vielen, vielen Stars des britischen Fernsehens. Hierbei verrät der Titel im Prinzip auch schon absolut Alles, was man über den Film wissen muss. Denn es gibt tatsächlich zwischen den Hochzeiten und der Trauerfeier keine wirkliche Handlung. Wie immer folgen hier SPOILER!

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250: The Terminator (1984)

Nachdem wir uns kurzfristig an Weihnachten entschieden haben zum Schließen der beidseitigen cineastischen Wissenslücken ein neues Projekt zu beginnen, könnt ihr hier den ersten Beitrag zu diesem Projekt lesen. Näheres hatte ich bereits auf Twitter erklärt. Kurz zusammengefasst: Wir planen uns die nächsten Monate so gut es geht durch die Top250 Filme der Internet Movie Datenbank zu gucken, diese ohne große Ablenkung durch Handy oder dergleichen zu “genießen” so gut es geht und dann jeder einen eigenen Blogeintrag zum Film zu verfassen mit unserer offenen und ehrlichen Kritik.

Den Anfang macht also der dystopische Klassiker “The Terminator” mit Arnold Schwarzenegger. Wer den Film nicht kennt, bekommt hier gleich kurz einen Abriss über die Grundsituation und Handlung. Vorsicht: SPOILER der kompletten Handlung!

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The Soup (+ Rezept)

Ich bin ja ein sehr geneigter Reddit User. So bin ich irgendwann auch auf die Reddit Slowcooking Community aufmerksam geworden. Dort gibt es ein Rezept, dass inzwischen fast schon zum Meme wurde. Das Rezept für eine cremige italienische Suppe mit Tortellini & Spinat.

Nachdem ich in den letzten Monaten immer wieder von “The Soup” gelesen habe, musste ich das jetzt mal ausprobieren. Es gibt verschieden Varianten, aber das “offizielle” Rezept ist mit Hähnchenfleisch und Hühnerbrühe.

Das Rezept auf Englisch findet ihr hier! Wenn ihr wissen wollt, wie ich die Suppe zubereitet habe und die Zutatenliste in Deutsch wollt müsst ihr weiterlesen. 🙂

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Die Ananas auf dem Teigfladen

de gustibus non est disputandum“Über Geschmack lässt sich nicht streiten.”

Es ist eine ganze Weile her, dass ich hier einen Beitrag veröffentlicht habe, aber irgendwie ist mir danach ein Thema anzusprechen, das mir persönlich sehr am Herzen liegt und das häufig übersehen wird. Für mich ist es eine Form von Mobbing und es ist ein Thema, wo ich mir vorgenommen habe, dass ich in Zukunft vermehrt darauf achte, diese Form von Mobbing immer mehr aus meinem Leben auszuschließen und anzusprechen, wenn Sie mir begegnet.

Ich rede hierbei von Foodshaming. Ich weiß nicht, ob das ein gängiger Begriff ist, aber ich nenne es jetzt einfach so. Jeder kennt die Sätze

“Ieh, das ist ja eklig.”

“Wie kann man sowas nur essen?”

“Bah, nee – das ist ekelhaft.”

“Bist du schwanger? Sowas isst man doch nicht!”

oder vergleichbare Formen. Das fängt bei A wie Aal an und endet bei Z wie Zitronenwasser. Das betrifft die Ananas auf der Pizza genauso wie den Rosenkohl, gegrillte Insekten, die Nutella mit sauren Gurken oder andere ungewöhnliche Geschmackskompositionen.

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Mehr.

Menschen sind komplexe Wesen. Sie sind Lebewesen, die teils unterschiedlicher kaum sein können. Sie sind klein und groß, dick und dünn, männlich, weiblich, divers, blond, brünett, glatzig, mit kurzen sowie langen Haaren, schwarz, weiß, gelb, braun, rot und häufig bunt. Sie haben große Brüste, lange Nasen, spitze Bärte, große Ohren, lange Finger, dicke Zehen, große und kleine Augen, dicke und dünne Lippen. Sie sind schnell oder langsam, faul oder fleißig, sportlich oder träge, Leser oder Zuschauer, intro- oder extrovertiert, offen oder verschlossen, still oder laut. Und egal welches dieser Attribute auf einen Menschen zutrifft, so ist er am Ende der Liste seiner Attribute Mensch. Mit Haut und Haar, von Kopf bis Fuß, von A wie Arterie bis Z wie Zahnschmelz. Und als Mensch ist er mehr als all diese Attribute, die diesen Menschen beschreiben können und häufig doch nichts über Ihn oder Sie als Gesamtwerk Mensch aussagen.

Mensch sein bedeutet ‘mehr sein’. Mehr als die Summe der Attribute, die man auf den ersten Blick oder im ersten Gespräch oder auch nach Jahren in denen man glaubte, sich zu kennen, von jemandem sieht. Kein einziges Attribut definiert den ganzen Mensch. Kein einzelnes Attribut gibt einem das Recht, vollumfänglich über einen Menschen zu urteilen oder diesen sogar zu verurteilen.

Und doch, so ist es inzwischen wieder üblich – wir kategorisieren, wir denken in Attributen statt in Menschen. Wir grenzen aus und wir verurteilen. Wir benutzen Begriffe um Menschen aufgrund ihrer Attribute – äusserlich wie innerlich – auf ihre Attribute zu reduzieren. Wir reduzieren und verlieren selbst dabei eine unglaublich wichtige Sache: Menschlichkeit.

Der junge Kerl, der in Boots mit zerissenen Jeans, Bandshirt und mit Glatze im Zugabteil sitzt, der ist sicher Nazi. Vielleicht spricht es niemand so direkt aus, aber so denken wir. Wir denken in Schubladen und in Stereotypen.
Der alte Mann mit langem, grauen Bart und Turban mit seiner Frau und zwei Töchtern in der Bahn, der unterdrückt seine Familie sicherlich. Natürlich MUSS das so sein, schließlich tragen alle 3 Frauen Schleier und Kopftuch. Sind es gar nicht seine Frau und Tochter? Hat er vielleicht gar seinen Harem dabei? Man spricht ihn nicht an, man sucht nicht den Dialog sondern urteilt. Es ist oft so offensichtlich und häufig doch so falsch. Aber so funktionieren Vorurteile.

Der junge Kerl leidet an genetisch bedingtem Haarausfall und hätte so gerne die langen Haare seiner Freunde. Headbanging macht ohne Haare nur halb so viel Spaß. Die Blicke der Leute in der Bahn stören ihn nicht mehr – lieber doofe Blicke als diese komische Halbglatze mit der kahlen Stelle am Kopf die ihm in seiner Clique den Spitznamen Monk eingebracht hat. Er findet das cool, denn er hat in seiner Jugend Karate Kid und American Shaolin gesehen, für extrem cool befunden und die asiatische Kultur mit ihren Klöstern und Mönchen fasziniert ihn. In seiner Tasche liegt ein Buch über den Buddhismus.
Der alte Mann ist mit Frau und zwei Töchtern aus einem Kriegsgebiet geflohen. Was Sie am Körper tragen ist ein Großteil dessen, was Sie noch haben. Zwei seiner Söhne starben in diesem Krieg, zu verlor man auf der Flucht den Kontakt. Als seine Heimatstadt mit Mörsergranaten beschossen wurde entschied er sich zur Flucht. Er ließ Alles zurück um die Personen, die er über Alles in der Welt liebt in Sicherheit zu bringen. In seinem Land war er ein angesehener Arzt, aber in Deutschland darf er nicht praktizieren. Seine Frau und Töchter sind unglaublich glücklich und dankbar, dass Vater und Ehemann mit Ihnen geschafft hat zu überleben. Sie haben nicht viel und versuchen hier ein neues Leben zu beginnen.
Die Schleier tragen Sie aus Respekt, religiösem Glauben und zu ihrem eigenen Schutz. Es ist ein Teil ihrer Kultur, die Sie bei ihrer Flucht mitgenommen haben. Teil ihrer Erziehung. Teil von Ihnen als Mensch. Sie zu zwingen diese Schleier nicht mehr zu tragen wäre für manche vielleicht vergleichbar mit dem Zwang plötzlich überall nackt herumlaufen zu müssen. Das würde hier auch niemand wollen, oder?
Auch Sie sehen die Blicke der Einheimischen*. Sie spüren, dass sie nicht überall Willkommen sind und wie Ihnen Menschen aus dem Weg gehen – aber auch das ist besser, als die Menschen in ihrem Land, die Ihnen offen nach dem Leben trachten. Weil Sie anderen Glaubens sind, weil Sie im falschen Landesteil oder sogar nur im falschen Stadtteil geboren wurden, weil Sie Menschen helfen wollten und über Attribute wie Religionszugehörigkeit, Aussehen, Herkunft hinwegsahen und damit selbst zu Verfolgten wurden.

*Ich hatte an dieser Stelle das Wort ‘Deutschen’ stehen – aber wenn meine Erfahrung im Alltag mir Eines gezeigt hat, dann sind die Menschen mit Migrationshintergrund, die einfach einige Jahre vorher bereits da waren häufig genauso zuwanderungsfeindlich.

Dies sind extreme Beispiele, die ich in dieser Form frei erfunden habe und die doch für Viele der Leser in ähnlicher Form bekannt sein dürften. Wer auf Menschen zugeht, bereit ist diese kennenzulernen und nicht mit verschlossenen Augen und Scheuklappen durch die Welt geht, der erkennt normalerweise recht schnell, wie erste Eindrücke täuschen können. Der erkennt, dass nicht alles Schwarz & Weiß ist. Dass die Grautöne der Menschen unserer Gesellschaft diese zu dem bereichern, was ich als ‘Mehr’ bezeichne.

Jeder Mensch hat in meinen Augen verdient, gehört zu werden. Was er sagt, mag absoluter Dreck sein und vielleicht ist er kein Mensch, den man um sich haben möchte, vielleicht ist er ein riesengroßes radikales Nazi-Arschloch. Aber wenn man ihn nicht hört und vorher sein Urteil bereits gefällt hat aufgrund von Attributen, die vielleicht passen könnten, dann ist man kein besserer, nur ein anderer Mensch auf der anderen Seite des Spektrums. Der Übergang ist dabei übrigens fließend und es gibt keine harten Kanten – es gibt nur Menschen. Und diese Menschen sind meist so unterschiedlich, dass man von Einem nie auf den Anderen schließen sollte.

Kein Mensch ist frei von Fehlern, Macken oder der einen oder anderen komischen Ansicht. Und doch definieren wir unsere Umwelt und die Menschen in der Gesellschaft immer mehr auf Grund ihrer Attribute. Zu viel für meinen Geschmack und viel zu häufig ohne die Person zu kennen oder sogar ganze Personengruppen. Du besuchst ein Festival für deine Lieblingsband und es tritt eine andere Band mit nationalistischem Gedankengut auf? Sofort bist auch du als Rechts abgestempelt. Die anderen Bands treten auf der gleichen Bühne am gleichen Festival wie diese Band auf? Alle Rechts und nicht genug distanziert vom nationalistischen Gedankengut der rechten Band. Du betrachtest radikale Aussagen und Taten gegen Nazis wie die AfD – mit Beispiel angezündeter Autos und Hetzaufrufen – eher kritisch? Du wärst sogar bereit mit diesen Flachpfeiffen und geistigen Tieffliegern in einen Diskurs zu gehen um neben mangelnder Menschlichkeit die Ursachen zu verstehen um ihrem weiteren Aufstieg als Partei gegenwirken zu können? Dann bist du irgendwann Nazi-Versteher oder noch schlimmer: Man stellt dich selbst auf eine Stufe mit diesen. Denn es kann neben Weiß nur Schwarz mehr geben – für uns oder gegen uns. Gut oder Böse. Blaue oder rote Pille.

Doch das sind wir nicht. Wir sind mehr. Wir Menschen – alle Menschen – sind mehr als unsere Attribute. Wir sollten uns auch so benehmen. Ausgrenzung hat noch nie dazu geführt, dass Menschen sich änderten. Ausgrenzung führt zu Rissen und aus diesen Rissen werden irgendwann unüberwindbare Schluchten und verhärtere, eiskalte Fronten.

Und jeder Einzelne von uns kann bei sich selbst anfangen. Vorurteile aktiv überwinden, auf Menschen aktiv zugehen, Menschen aktiv zuhören und Ihnen die Konsequenzen falschen Handelns oder Denkens aktiv aufzeigen. Konstruktiv statt destruktiv – inklusiv statt exklusiv. Aktiv durch Dialog statt passiv durch Ausgrenzung. Es bedarf Überwindung, es bedarf Kraft und viel Einsatz und man kann niemals Alle retten, es gibt hoffnungslose Fälle und menschliche Katastrophen – aber niemand sollte aufgeben ohne es versucht zu haben.

Und wenn man nur einen Menschen überzeugt, dann lohnt sich dieser Kampf. Es ist ein harter Kampf und es ist ein Kampf den man nicht für sich alleine führt sondern für alle Menschen unserer Gesellschaft. Für die Zukunft unserer Gesellschaft und ein Zusammenleben in Menschlichkeit und im Dialog. Kein Leben in Schubladen. Arm gegen Reich, Dick gegen Dünn, Rechts gegen Links, Vegan gegen Omnivor, Frau gegen Mann, etc. etc. bedeutet am Ende auch immer Mensch gegen Mensch.

Auge um Auge und die ganze Welt wird blind sein.
Mohandas Karamchand Gandhi, *1869 †1948
Indischer Rechtsanwalt und geistiger Führer der indischen Freiheitsbewegung